Im Spiegel eines namenlosen Kindes im Sudan

Eine Begegnung mit dem eigenen Gewissen

Ufukcan Deger Sudan 2025

Einleitung – Hamd Evi Haus der Dankbarkeit e.V.

Der Sudan gehört zu jenen Orten der Welt, die man kennt – und doch allzu leicht vergisst. Seit Jahren leiden Millionen Menschen unter Krieg, Vertreibung und Hunger. Als Hamd Evi Haus der Dankbarkeit e.V. unterstützen wir gemeinsam mit unseren Partnern humanitäre Hilfsprojekte in Krisenregionen wie dem Sudan.

Der folgende Text ist ein Gastbeitrag von Ufukcan Değer, der Ende Dezember 2025 selbst vor Ort war und nicht nur das Hilfsprojekt (unsere Förderung i.H.v. USD 35.000) federführend begleitet hat, sondern auch Zeugnis abgelegt hat. Sein Bericht ist kein nüchterner Lagebericht, sondern eine ehrliche, schmerzhafte und zugleich notwendige Erinnerung daran, was es bedeutet hinzusehen – und Verantwortung zu übernehmen.


Eine Reise, die mehr war als ein Weg

Ich machte mich auf den Weg in den Sudan, um humanitäre Hilfe zu leisten. Doch dies war keine gewöhnliche Reise. Es war vielmehr ein schwerer Schritt hin zum eigenen Gewissen. Denn der Sudan ist heute kein Ort, den die Welt nicht kennt – sondern ein Ort, den man kennt, aber nicht erinnern möchte.

Der Sudan, der seit Langem von Chaos geprägt ist, stand zeitweise im Fokus der Öffentlichkeit und wurde dann schnell wieder vergessen.
Es gibt Zahlen.
Es gibt Berichte.
Es gibt Pressemitteilungen.
Und es gibt Schweigen.
Vor allem das.


Flucht, Lager und das endlose Warten

Wir fuhren von Port Sudan in Richtung Atbara. Die Vorbereitungen galten Lagern, die von Menschen errichtet worden waren, die aus El Faschir geflohen waren. Eine sechs Stunden lange Fahrt – für uns lang, für sie jedoch ein endloses Warten.

Zehn Tage zuvor war von 800 Familien die Rede, nun waren es bereits 1.500. Diese Zunahme war weder eine Statistik noch eine Überraschung. Denn die Unterdrückung hielt an, und die Flucht der Entrechteten wuchs mit jedem Tag.


„Ihr seid nicht vergessen“

Bevor wir mit der Verteilung begannen, sprach ich zu den Familien, die sich in Reihen aufgestellt hatten. Ich sagte ihnen, dass wir aus der Türkei gekommen seien, dass wir die Grüße und Gebete der Wohltätigen überbrächten und dass wir sie um Allahs willen lieben.

In diesem Moment veränderten sich die Gesichter. Sie freuten sich – und sie wirkten erleichtert.
Nicht wegen der Lebensmittel allein, sondern weil sie erinnert worden waren.

Manchmal ist ein Gruß, ein Gebet, nährender als Nahrung – weil es zuerst das Herz erreicht.


Die Ungeduld des Hungers

Die Verteilung begann. Tausende Menschen standen vor uns. Sie waren ungeduldig – aber nicht in der Art, wie wir Ungeduld kennen. Es war die Ungeduld des Hungers. Die Hast des Überlebens.

Ich fragte mich: Wann haben wir begonnen, so leichtfertig über Geduld zu sprechen? Kann die Geduld eines Sattgegessenen dem Hungernden eine Lehre sein? Verzehrt Hunger nur die Geduld – oder nimmt er dem Menschen auch seine Würde?


Das wahre Gesicht des Krieges

Nach der Verteilung besuchten wir die Zelte, um anvertraute Zakat-Gelder weiterzugeben. Dort begegneten wir dem wahren Gesicht des Krieges: junge Menschen, Frauen und Alte, die in El Faschir beschossen worden waren.

Sie waren notdürftig operiert worden und lebten nun auf bloßer Erde. Ihre Wunden waren offen. Das Infektionsrisiko hoch.


Das Kind ohne Namen

Als wir gerade gehen wollten, trat ein etwa zweijähriges Kind ins Zelt. Die Frau, die es trug, erzählte mit zitternder Stimme:

Dieses Kind hatte auf der Flucht Mutter und Vater verloren. Es hatte keine Verwandten mehr. Niemanden, der nach ihm fragte. Niemanden, der für ihn einstand.

Die Behörden waren informiert worden. Fotos waren verbreitet worden. Doch niemand meldete sich.

Die Frau sagte nur:
„Im Moment kümmere ich mich um ihn.“

Ich nahm das Kind auf den Arm. Es lächelte. Ich fragte nach seinem Namen.
Er hatte keinen.

Der Krieg hatte ihm nicht nur seine Eltern genommen – sondern auch seinen Namen.


Ein Versprechen und eine Hoffnung

Ich streichelte seinen Kopf, küsste ihn und versprach: „Ich werde wiederkommen.“
Das Schwerste war nicht das Weggehen, sondern das Zurücklassen.

Vielleicht konnte ich sein Schicksal nicht ändern. Doch vielleicht wird eine Hoffnung im Herzen eines Waisenkindes zu einem Gebet, das eines Tages viele aufrichtet.


Ein Spiegel für uns alle

In dieser Szene gab es keine Explosionen. Aber es fehlte alles: Sicherheit, Zugehörigkeit, Zukunft.

Waise zu sein bedeutet nicht nur, keine Eltern zu haben. Es bedeutet, nicht erinnert zu werden. Und für das, woran wir uns nicht erinnern, fühlen wir keine Verantwortung.

Wir kehrten zurück. Die Hilfe war verteilt. Berichte wurden geschrieben. Das Leben ging weiter.

Doch das Kind lebt noch immer in einem Zelt.
Ohne Namen.
Und es wartet.

Der Sudan klagte nicht an.
Er hielt uns nur einen Spiegel vor.

Und wir schauten nicht lange hinein.
Denn manche Wahrheiten sind still – und schwer zu ertragen.


Gastbeitrag von Ufukcan Değer

Ufukcan-Deger-Denizfeneri

👤 Über den Autor

Ufukcan Değer ist humanitär engagiert und war mehrfach in Krisenregionen im Einsatz. Seine Arbeit verbindet praktische Hilfe vor Ort mit persönlicher Zeugenschaft. In seinen Texten berichtet er nicht nur über humanitäre Einsätze, sondern über Begegnungen, die das Gewissen herausfordern und Verantwortung einfordern. Sein Fokus liegt auf den vergessenen Opfern von Krieg, Flucht und Armut – insbesondere auf Kindern und Waisenkindern.

Dieser Beitrag basiert auf seinen eigenen Erfahrungen während eines humanitären Einsatzes im Dezember 2025 im Sudan.


🔗 Originalveröffentlichung

Der Text erschien am 01.01.2026 ursprünglich auf Türkisch unter dem Titel
„Sudan’da Adı Olmayan Çocuğun Aynasında Yüzleşmek“
und wurde für Hamd Evi Haus der Dankbarkeit e.V. ins Deutsche übersetzt.

👉 Zum Originalartikel:
https://www.hertaraf.com/haber-sudan-da-adi-olmayan-cocugun-aynasinda-yuzlesmek-ufukcan-deger-15185


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